Colegio Alemán de Temperley
Colegio Alemán de Temperley
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publicado el 2 de Mayo de 2012

Volviendo de Alemania a Argentina


"Alemaania! " , "Sos de Alemania, no?! ", "Lisa!", "Alemania! ", "De dónde sos ? "hörte man von überall und neugierige Kinderaugen lunzten aus allen Ecken hervor, um zu schauen, wer in ihre "Casa de Niños" gekommen war. Ich war die Neue und würde nun für zwei Monate hier, im Kinderheim Emaús in Buenos Aires im Armenviertel Burzaco, als Ayudante aushelfen.
Immer schon träumte ich davon, die berühmte Lebensfreude der Argentinier und deren unterschiedlichen Lebensstil näher kennen zu lernen. Mein besonderes Interesse gilt zudem der Arbeit mit Kindern. Durch die Beziehungen meines Spanischlehrers am Kaiserin-Friedrich-Gymnasium in Bad Homburg zum Colegio Alemán in Temperley und dem Kinderheim Emaús wurde es mir ermöglicht, meine beiden Wünsche gleichzeitig zu erfüllen. Ich setzte mich mit der Direktion der Casa de Niños in Verbindung, die mir sehr spontan eine Arbeitsmöglichkeit anbot, und mit der tatkräftigen Unterstützung von den Lehrern der Deutschen Schule in Temperley fand ich eine Unterkunft in einer Familie, die bereit war, mich für zwei Monate während meiner Zeit in Emaús bei sich zu Hause aufzunehmen. Nach einem bisschen Überzeugungsarbeit zu Hause bei meinen Eltern stand meinem Argentinienaufenthalt nichts mehr im Wege.
Gleich nach der Verabschiedung an meinem Gymnasiums flog ich also mit dem Lufthansa LH500-Flug nach Buenos Aires. Die erste Zeit war es unglaublich schwierig, mich mit den Argentiniern zu verständigen, denn nicht nur der starke Akzent, sondern auch die schnelle Aussprache und die genuschelte Redensart waren doch sehr verschieden von dem reinen Schulspanisch, dass ich in Deutschland 3 Jahre lang gelernt hatte. Meine Gastfamilie nahm sich jedoch sehr herzlich meiner an - am Anfang noch mit Händen und Füßen.. - und zeigte mir in den ersten Tagen der Eingewöhnung, welche Besonderheiten ich hier in Argentinien beachten muss. Anfangs war es ziemlich schockierend zu sehen, welche Gefahren die Großstadt birgt und wie eingeschränkt man im täglichen Leben auf Grund der Sicherheitsdefizite ist, beispielsweise konnte ich mich in einigen Gebieten in der Gegend alleine nicht aufhalten und vor Einbruch der Dunkelheit sollte ich möglichst wieder zu Hause hinter der 2-fach-gesicherten Tür sein. Auch beim Weggehen abends war es nicht sicher, von zu Hause aus zu Fuß zu einem Treffpunkt zu laufen, sondern man bewegte sich ausschließlich in Taxis eines sicheren Unternehmens.
Ich kam jedoch trotzdem sicher am ersten Arbeitstag - meinem 19. Geburtstag! - im Kinderheim an und wurde auch gleich herzlich empfangen. Die Direktorin Maria Cristina de Urquiza führte mich in meiner neuen Arbeitsstelle herum. Das Kinderheim hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Kinder aus dem von Armut geprägten Viertel vom Einfluss der Straße wegzuholen und ihnen tagsüber neben der Schule eine Beschäftigungsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen, die ihnen Perspektiven eröffnen soll. Beispielsweise wird den ungefähr 360 Kindern eine Möglichkeit gestellt, die Hausaufgaben zu erledigen, sie können in Emaús essen und spielen, bekommen Kunst- / Sport- und Musikklassen angeboten und treffen viele Gleichgesinnte.
Dies hatte ich auch schon in Deutschland gehört, als nun die Direktorin mich jedoch in den 3 Salas - den Räumen, in denen Maestras einer Gruppe von Kindern bei den Hausaufgaben halfen - und dem wichtigen Dreh- und Angelpunkt von Emaús - der Küche - vorstellte, kam mir alles ganz anders, viel realer und näher vor. Für mich war dies auch eine sehr intensive Erfahrung, denn jede der Gruppen sang mir ein Geburtstagsständchen und bei den allerkleinsten - den Pollitos, den "Kücken" - wurde ich von einem der Kinder mit einer innigen, nicht mehr zu lösenden Umarmung begrüßt. Gerade für mich, eine Deutsche, in deren Kultur doch sehr viel mehr Distanz und Kälte in der Beziehung zwischen den Menschen herrscht, war dieses "Willkommen" sehr bewegend und ich fühlte mich von Anfang an sehr wohl.
Den ersten Monat war ich fast ausschließlich in der Gruppe der 2 - 6-Jährigen beschäftigt. Durch ein Wechselsystem, in dem die Kinder, die den Morgen im Jardin verbracht haben, nachmittags in Emaús waren, und umgekehrt, teilten sich die sogenannten "Pollitos" in Emaús in eine Morgen- und eine Nachmittagsgruppe. Ich unterstützte die jeweils zwei Maestras bei ihrer kindergartenähnlichen Arbeit. Wir spielten, malten, bastelten, sangen und lernten zusammen mit den Kindern beispielsweise, was gesundes Essen ist und was der "Dia de la Independencia" bedeutet. In der Morgengruppe traf ich auf die wahrscheinlich talentiertesten und engagiertesten Maestras, die man sich nur wünschen kann. Die Kinder, die teilweise aus den zerrüttetsten Familien kamen und mit Armut, Alkohol- sowie Drogenproblemen, Kriminalität und vor allem Gewalt täglich konfrontiert wurden, fanden in der Morgengruppe Geborgenheit, kindliches ausgelassenes Spiel und Ablenkung. Durch die strikten Regeln und die Kombination aus Autorität und Liebe und Zuneigung hatten die Maestras de la mañana ihre Schützlinge bestens unter Kontrolle.
Dadurch, dass die Maestras morgens so ein bewundernswertes Feingefühl für Kinder an den Tag legten, eine so innige Beziehungen zu ihrer Gruppe pflegten und zudem die Arbeiten mit den Kindern perfekt organisierten, beschränkte sich meine Hilfe am Morgen hauptsächlich auf das Frühstückholen und mit einigen Kindern auf Toilette gehen, sowie in den kurzen Zeiten des freien Spielens mit einigen Kindern zu puzzeln oder Autos zu spielen etc.
Nachmittags jedoch waren die Maestras ein wenig passiver und ich konnte meine kreativen Spielideen mit einbringen. Ich gestaltete einige Themen und brachte den Nachmittagskindern unter Anderem die verschiedenen Körperteile oder die Differenzierung zwischen gesunden und ungesunden Nahrungsmitteln bei. In Sitzkreisen lehrte ich sie die morgens kennen gelernten Lieder zu singen und spielte mit ihnen Klatsch- und Pantomimespiele.


Die Kinder schlossen mich schon sehr bald in ihr Herz und bauten zu mir - da ich ja weder eine gewohnte Maestra, noch eine normale Ayudante, sondern die DEUTSCHE Ayudante war - eine sehr innige Beziehung auf. Jeden Morgen liefen sie auf mich zu und begrüßten mich überschwenglich und wollten, als sie Emaús abends verließen, von mir zur Tür gebracht werden.
Trotzdem ließ sich der Hintergrund und die Geschichten der Kinder nicht leugnen und im Vergleich zu den Kindern, mit denen ich in meiner Heimat Deutschland beispielsweise durch Babysittertätigkeiten zu tun hatte, war vor Allem beim freien Herumtollen im Park eine erhöhte Aggressivität und ein unglaublich rauer und grober Umgangston, sowie ein ziemlich vulgärer Wortschatz zu bemerken. Zudem stellte ich sehr rasch fest, dass die meisten Kinder für ihr Alter ungewöhnlich reif und erwachsen waren.
Es war hochspannend für mich, mit diesen Kindern zu arbeiten und ihnen auf meine Weise zu helfen, obwohl natürlich der Gedanke des "Warums" - Warum es gerade mir ermöglicht ist, in einer sicheren, heilen und liebevollen Umwelt aufzuwachsen und warum diesen Kindern nicht - immer in meinem Hinterkopf herumschwirrte.
Neben der Arbeit bei den ganz Kleinen half ich jedoch auch in anderen Teilen der Casa de Niños, bei den ganz Großen, mit.
Emaús engagiert sich nicht nur im Bereich der Jugend, sondern schenkt auch an einige Erwachsene der Gegend Mittagessen aus, bei dessen Verteilen ich auch einige Tage assistierte. Durch ständige Nachfragen der Leute, ob denn die Küche morgen wieder geöffnet sei, oder einen schlichten Ausspruch wie "Bis morgen!" stellte ich schnell fest, dass die Essensvergabe und Emaús durch ihre Existenz den Leuten der Region eine feste Anlaufstelle geben und Halt und Sicherheit in ihr ungewisses Leben bringen.
Es war zwar teilweise erschreckend zu sehen, in welchen Verhältnissen und mit welchen Umständen die Leute im Viertel Burzaco lebten - eine Familie mit 10 Kindern war beispielsweise nicht ungewöhnlich, Kinder kamen im kältesten Winter seit Jahrzehnten mit Sandalen ins Kinderheim und bei schlechtem Wetter hatten einige Familien keine Möglichkeit aus ihren Hütten zu kommen, da die Wege überflutet waren, aber dies gab mir nur zusätzlich Kraft auch durch den härtesten Tag zu arbeiten, denn genau gegen diese Umstände half ich ja anzukämpfen. Ich entwickelte einen wahnsinnigen Stolz dafür, Teil der großen, sich gegenseitig helfenden Emaúsfamilie zu sein und die Kinder dankten mir dafür.
Ob es nun eine selbstgebastelte Karte oder ein Bild, eine in diesem Viertel unglaublich wertvolle Plastikkette, eine stolz zu Ende gerechnete Mathematikaufgabe oder - und dies ganz besonders - einer nachgegangenen Bitte oder eine befolgte Anweisung war, ich fühlte, dass die Kinder mich lieb gewannen und mich schätzten. Einige erzählten mir schon nach sehr kurzer Zeit ihre bewegenden, dramatischen Geschichten und ich hörte ihnen zu, was in ihrer Welt mehr als alles andere zählt.
Die letzten 4 Wochen im Kinderheim unterstützte ich die Maestras der 6-14-Jährigen bei ihren Hausaufgabenhilfen. Hierbei erlebte ich mein allergrößtes Erfolgserlebnis, als Facundo, einer der ungehorsamsten und schwer zu kontrollierenden Kinder auf Grund meiner Anweisung und Unterstützung seine Hausaufgaben machte und sogar in der Lage war, alles fehlerfrei und schnell zu erledigen. Ich lernte, auch winzig kleine Schritte in die richtige Richtung zu schätzen.
Am Ende meiner Arbeit in dem Kinderheim partizipierte ich zudem noch in einigen besonderen, fantastischen Projekten, wie zum Beispiel bei den Herbstferienspielen, dem groß zelebrierten Kindertag, Theatervorführungen und Schwimmbadausflügen und half mit einer anderen, argentinischen Ayudante und schon bald Freundin bei organisatorischen Aufgaben.
An meinem letzten Arbeitstag versammelten sich alle Kinder auf dem großen Sportplatz und überraschten mich mit einigen riesigen Plakaten, mit kleinen, individuellen Botschaften und Bildern, sowie Büchern und einzelnen Briefen, mit all denen das gleiche ausgedrückt wurde: Danke, Geh nicht! Und wenn du doch gehen musst, dann komm so schnell es geht wieder!
Ich war zu Tränen gerührt über die süßen Gesten und sah noch einmal in die Runde, die sich seit meiner Ankunft doch scheinbar nicht geändert hatte. Aber wenn man genauer hinsah, dann sang die Maestra de la manana auf dem Rückweg vom Sportplatz in ihren Raum ein Lied mit den kleinen Kindern, der wilde und sonst so agressive Facundo klebte an meinem Bein und wollte mich nicht gehen lassen und einigen Mädchen kullerten sogar kleine Tränchen die Wangen hinunter.
Ich weiß, dass mein 2-monatiger Aufenthalt im argentinischen Kinderheim nicht das Elend des Viertels verbessern konnte und dass auch noch ein weiter Weg zu gehen ist, bis sich die soziale Schere in der Region annähert, aber ich weiß auch, dass ich vielen Kindern positiv im Gedächtnis bleiben werde und dass ich das in meinen Kräften stehende getan habe, um diesen Kindern zu helfen und sie wenigstens kurzzeitig von ihrer schrecklichen Situation abzulenken.
Ich denke, ich habe die Zeit direkt nach meinem Abitur mit meinem freiwilligen Dienst im Kinderheim optimal genutzt und würde es jedem weiterempfehlen.
Jetzt werde ich erst einmal versuchen, einen der schwer zu ergatternden Studienplätze für Psychologie in Deutschland zu bekommen und wer weiß, vielleicht kehre ich ja eines Tages als ausgebildete Psychologin nach Emaús zurück und sehe, wie es meinen Schützlingen ergangen ist?

Lilly Burkhardt